Adornos Satz „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ trifft einen Widerspruch, der weit über KI hinausgeht. Wir sollen richtige Entscheidungen treffen innerhalb von Verhältnissen, die wir nicht selbst geschaffen haben und denen wir uns kaum vollständig entziehen können.

Bei KI wird dieser Widerspruch besonders sichtbar. Unternehmen entscheiden, welche Systeme sie entwickeln, welche Daten sie verwenden, unter welchen Arbeitsbedingungen sie produzieren und welche sozialen und ökologischen Kosten sie in Kauf nehmen. Danach beginnt die Debatte darüber, wie wir diese Systeme verantwortungsvoll benutzen sollen. Prüfe den Output. Gib keine sensiblen Daten ein. Achte auf Bias. Denke an den Ressourcenverbrauch. Überlege gut, wann der Einsatz noch vertretbar ist.

Die Verantwortung wandert nach unten, während die Macht, die Bedingungen zu verändern, weitgehend oben bleibt. Das macht persönliche Entscheidungen nicht bedeutungslos. Menschen können Grenzen ziehen, verzichten, boykottieren und Schaden vermeiden. Problematisch wird es dort, wo aus diesen Entscheidungen die Vorstellung entsteht, gesellschaftliche Probleme ließen sich durch genügend individuelle Konsequenz lösen. Dann wird aus Politik eine Frage persönlicher Moral und aus struktureller Veränderung die Suche nach dem möglichst korrekten eigenen Verhalten.

Luise Freese spricht über diese Falle, über Schuld und Komplizenschaft und über die verständliche Sehnsucht danach, sich in widersprüchlichen Verhältnissen wenigstens selbst richtig zu verhalten. Sie fragt aber auch, was verloren geht, wenn wir so viel Energie darauf verwenden, unsere eigene Beteiligung zu optimieren, statt die Bedingungen zu verändern, unter denen wir überhaupt entscheiden.

A(I)mbivalence verspricht deshalb keine Anleitung zum moralisch einwandfreien Leben im falschen System. Es interessiert sich für die Grenze, an der persönliche Verantwortung nicht mehr reicht und die politische Frage beginnt.

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