BIT 042
Man braucht keine bösen Milliardäre
19. Oktober 2026

Es hat fast etwas Beruhigendes, zu glauben, das Problem seien ein paar außergewöhnlich widerliche Milliardäre. Größenwahnsinnig, gierig, gekränkt, ausgestattet mit absurd viel Geld und der Überzeugung, ausgerechnet sie müssten die Zukunft der Menschheit entwerfen. An geeignetem Personal für diese Erzählung mangelt es wirklich nicht. Trotzdem macht mir diese Erklärung das Problem zu klein. Denn wenn nur ein paar besonders beschissene Menschen versehentlich besonders viel Macht bekommen hätten, wäre die Lösung fast angenehm überschaubar: weg mit ihnen, bessere Menschen hin.
Der Kapitalismus braucht aber keine Bösewichte. Das ist ja gerade das Perfide. Ein ausgesprochen sympathischer CEO kann Beschäftigte auspressen, öffentlich finanziertes Wissen privatisieren, Ressourcen verschlingen und tausende Stellen streichen, ohne morgens mit dem Vorsatz aufzustehen, heute möglichst viel Schaden anzurichten. Es reicht völlig, sich innerhalb eines Systems vernünftig zu verhalten, das Wachstum, Akkumulation, Marktmacht, sinkende Personalkosten und steigende Renditen belohnt. Investor*innen müssen Kunst nicht verachten, um an ihrer Aneignung zu verdienen. Unternehmen müssen Beschäftigte nicht hassen, um sich darüber zu freuen, weniger von ihnen zu brauchen. Und niemand muss sich heimlich mit zwanzig anderen Milliardären in einen Keller setzen und die Weltherrschaft planen, wenn dieselben materiellen Interessen ohnehin alle in eine ähnliche Richtung ziehen.
Das ist weniger unterhaltsam als die Geschichte vom bösen Milliardär und politisch sehr viel unangenehmer. Einen CEO kann man austauschen, einen Heuchler entlarven, einen Milliardär öffentlich verachten. Kapital ersetzt Personal erstaunlich geräuschlos. Die Maschine braucht keine Monster am Steuer, wenn vollkommen gewöhnliches profitmaximierendes Verhalten zuverlässig monströse Ergebnisse produziert. Wir brauchen deshalb nicht bessere Herrscher. Wir brauchen Verhältnisse, in denen es erheblich weniger darauf ankommt, ob der Mensch ganz oben zufällig ein guter ist.