BIT 019
Man kann sich nicht mit Menschen organisieren, die man nicht erreicht
16. September 2026

Die politische Dimension davon reicht weit über schlecht formulierte WhatsApp-Nachrichten hinaus. Kollektive Macht entsteht nur dort, wo Menschen einander erreichen können. Organisierung braucht Gespräche, die nicht vollständig personalisiert, optimiert und angenehm gemacht werden können. Menschen missverstehen sich, streiten, entdecken unterschiedliche Interessen, ändern ihre Meinung, bauen Vertrauen auf und merken manchmal, dass die Geschichte, die sie sich über die anderen erzählt haben, schlicht falsch war. Genau in solchen Begegnungen entsteht Politik.
Stellen wir uns nun vor, immer mehr davon läuft durch personalisierte Systeme, die erklären, was jemand „eigentlich" gemeint hat, Argumente vorsortieren, passende Antworten anbieten und Informationen an unsere bisherigen Vorlieben anpassen. Jede Person bekommt eine eigene Interpretationsschicht zwischen sich und der Welt. Individuell kann sich das ausgesprochen hilfreich anfühlen. Kollektiv entsteht aber ein Problem: Wir begegnen anderen Menschen immer seltener unter Bedingungen, die nicht bereits für uns vorsortiert wurden.
Eine Gesellschaft perfekt personalisierter Individuen ist keine besonders gute Grundlage für Gegenmacht. Organisierung verlangt, dass Menschen füreinander verständlich werden, nicht nur für die Systeme, die sie bedienen. Sie braucht Irritation, Überraschung, Überzeugung, Widerspruch und die Möglichkeit, Solidarität mit Menschen zu entwickeln, die nicht ohnehin in unser Weltbild passen. Mit Menschen, die wir nicht mehr erreichen, können wir uns auch nicht organisieren. Und wenn KI zunehmend zu der Schicht wird, durch die wir einander begegnen, lautet die politische Frage nicht nur, was diese Systeme uns erzählen. Sie lautet auch, welche Formen gemeinsamen Handelns schwieriger werden, wenn wir uns selbst immer seltener ungefiltert begegnen.