BIT 016
Wer bist du, wenn dich niemand mehr redigiert?
11. September 2026

Natürlich bearbeiten wir uns selbst. Das gehört zum Zusammenleben. Wir sagen nicht jeden Gedanken ungefiltert laut, sprechen mit Freundinnen anders als mit Kundinnen und löschen manchmal eine Nachricht, weil die erste Version schlicht unnötig gemein war. Selbstkorrektur ist nichts Künstliches. Sie ist Teil sozialer Beziehungen.
Mit KI kann aus diesem inneren Lektorat allerdings eine permanente Instanz werden. Jeder Satz lässt sich wärmer, souveräner, witziger, professioneller, weniger emotional, überzeugender oder angeblich „mehr nach mir" machen. Die unbearbeitete Version muss eigentlich niemand mehr zu Gesicht bekommen. Nach und nach entsteht eine sehr konsistente Außenfassung unserer Person, während das tatsächliche Innenleben natürlich weiterhin genauso widersprüchlich, unsicher und chaotisch bleibt wie vorher.
Die interessante Frage ist, was mit einer Stimme passiert, die den Raum kaum noch verlassen darf, ohne vorher korrigiert zu werden. Persönlichkeit steckt schließlich nicht nur in den gelungenen Formulierungen. Sie steckt auch in merkwürdigen Redewendungen, zu langen Erklärungen, schlechtem Timing, absurden Witzen, übertriebener Begeisterung und all den kleinen Eigenheiten, die ein guter Editor wahrscheinlich entfernen würde. Vielleicht werden wir irgendwann hervorragend darin, „wie wir selbst" zu klingen, und gleichzeitig immer ungeübter darin, anderen Menschen tatsächlich ungefiltert als wir selbst zu begegnen.