BIT 022
Denken als Dienstleistung
21. September 2026

Wir haben uns daran gewöhnt, Software nicht mehr zu besitzen, sondern zu abonnieren, Rechenleistung zu mieten und unsere digitale Infrastruktur auf den Servern anderer Unternehmen laufen zu lassen. Mit generativer KI kommt nun eine interessante neue Kategorie hinzu. Wir können Unterstützung beim Erinnern, Recherchieren, Einordnen, Argumentieren, Entscheiden, Schreiben und Kommunizieren praktisch minutenweise dazukaufen.
Für sich genommen ist das großartig. Zusammen mit kognitivem Deskilling entsteht allerdings eine ziemlich elegante Rückkopplung. Je besser das System eine Fähigkeit übernimmt, desto weniger müssen wir sie selbst trainieren. Je weniger wir sie trainieren, desto wertvoller wird das System, das sie für uns übernimmt. Aus Bequemlichkeit kann so Abhängigkeit werden, ohne dass es jemals einen Moment gibt, in dem jemand bewusst beschlossen hätte, eine Fähigkeit aufzugeben.
Bei Musik oder Filmen kann man darüber streiten, ob der Wechsel vom Besitz zum Abo eine gute Entwicklung war. Bei Denken, Urteilsbildung und Orientierung bekommt dieselbe Logik eine andere politische Qualität. Die entscheidende Frage ist nicht, ob eine KI wirklich „denkt". Entscheidend ist, was passiert, wenn wir für immer mehr Tätigkeiten, die unsere eigene Handlungsfähigkeit ausmachen, auf gemietete Infrastruktur angewiesen sind.