BIT 010
Der unerreichbare Mensch
3. September 2026

Es gibt eine Form der KI-Nutzung, die mich deutlich mehr beschäftigt als automatisch geschriebene Mails oder Zusammenfassungen. Sie beginnt dort, wo KI nicht mehr nur beim Antworten hilft, sondern zwischen uns und die andere Person tritt. Jemand schreibt etwas, und bevor wir selbst überlegen, was damit gemeint sein könnte, lassen wir es interpretieren. Bevor wir wahrnehmen, was die Nachricht mit uns macht, fragen wir, ob der Ton aggressiv, manipulativ, passiv-aggressiv, interessiert, distanziert oder sonstwie problematisch ist. Danach lassen wir auch noch die passende Antwort formulieren. Die andere Person erreicht uns damit nicht mehr ganz unmittelbar. Und wir erreichen sie genauso wenig.
Nach außen funktioniert die Kommunikation weiterhin. Vielleicht funktioniert sie sogar besser. Die Antworten sind verständlicher, freundlicher, reflektierter und weniger impulsiv. Gleichzeitig verschwindet etwas, das vorher zwischen Menschen stattfinden musste: dieses kurze, manchmal unangenehme Ringen darum, was jemand gemeint haben könnte, was ich selbst denke und wie ich damit umgehen will. Genau deshalb ist die Vermittlung so verführerisch. Zwischenmenschliche Kommunikation ist riskant. KI kann dieses Risiko reduzieren.
Die Gefahr besteht nicht darin, dass irgendwann niemand mehr antwortet. Die Gefahr besteht darin, dass jemand antwortet, ohne wirklich anwesend gewesen zu sein. KI kann zu einer dünnen Schicht zwischen Menschen werden, durch die Kommunikation weiterhin völlig intakt aussieht, während tatsächlicher Kontakt immer schwieriger wird. Man kann ständig erreichbar sein und trotzdem zunehmend unerreichbar werden.