Eines der großen Versprechen von KI lautet, dass sie uns Zeit spart. Und wahrscheinlich stimmt das sogar. Die interessantere Frage ist nur: Wem gehört die Zeit, die dabei frei wird?

Wenn eine Aufgabe, für die du bisher zehn Stunden gebraucht hast, plötzlich in fünf erledigt ist, hast du nicht automatisch fünf Stunden deines Lebens zurückgewonnen. Du gehst nicht mittags nach Hause, weil deine Produktivität gestiegen ist. Du arbeitest weiterhin deine vereinbarte Zeit. Aus den fünf eingesparten Stunden werden fünf Stunden zusätzliche Kapazität.

Im größeren Maßstab passiert dasselbe. Wenn ein Unternehmen mit Hilfe von KI dieselbe Leistung mit deutlich weniger menschlicher Arbeit erbringen kann, gibt es keinen Automatismus, der diesen Produktivitätsgewinn in kürzere Arbeitszeiten, höhere Löhne, mehr Urlaub oder eine geringere Arbeitsbelastung übersetzt. Beschäftigte produzieren mehr Wert in weniger Zeit, haben aber in der Regel kaum Einfluss darauf, was mit diesem zusätzlichen Wert passiert. Das Unternehmen könnte die Arbeitszeit bei gleichem Gehalt reduzieren. Es könnte Löhne erhöhen, mehr Menschen einstellen und Arbeit tatsächlich menschlicher machen. Es kann aber genauso gut den Output erhöhen, Stellen abbauen, Margen steigern und den verbleibenden Beschäftigten erklären, dass KI ihnen jetzt endlich mehr Zeit für „wertschöpfende Tätigkeiten" verschafft.

Welche dieser Möglichkeiten eintritt, entscheidet nicht die Technologie. Es ist eine Frage von Eigentum und Macht. Deshalb ist die Formulierung „KI spart Zeit" zwar technisch richtig, gesellschaftlich aber ziemlich irreführend. Eine Technologie kann Zeit sparen, ohne dir diese Zeit zurückzugeben. Wir entwickeln seit Jahrhunderten Maschinen, die weniger menschliche Arbeit notwendig machen. Trotzdem führt eingesparte Arbeit erstaunlich selten dazu, dass diejenigen, deren Arbeit eingespart wurde, einfach weniger arbeiten müssen.

Das ist kein technologisches Paradox, sondern eine Verteilungsfrage. Und solange Beschäftigte nicht wesentlich stärker darüber mitentscheiden können, was mit Produktivitätsgewinnen passiert, wird KI möglicherweise tatsächlich enorme Mengen an Arbeit einsparen. Nur eben nicht unbedingt für diejenigen, die sie leisten.

← Zurück zu Bits