Bit 045 Titelkarte, Das Recht, Zeit zu verschwenden: Über den Unterschied zwischen Zeit sparen und Zeit befreien, und warum ein Teil davon nutzlos bleiben darf.

Der Kapitalismus besitzt ein fast übernatürliches Talent dafür, jede Minute wieder einzukassieren, die er uns angeblich gerade geschenkt hat. Aufgabe schneller fertig? Hier ist die nächste. Langweiligen Teil automatisiert? Herzlichen Glückwunsch, jetzt bleibt endlich mehr Zeit für „wertschöpfende Tätigkeiten". Podcast beim Sport auf 1,7-facher Geschwindigkeit, Sprache lernen auf dem Arbeitsweg, Hobby monetarisieren, Personal Brand aufbauen, Urlaub zu Content und das gelesene Buch zu fünf beruflich verwertbaren Learnings verarbeiten. Selbst Erholung wurde inzwischen dienstverpflichtet: ausreichend schlafen, meditieren, regenerieren, damit morgen wieder eine leistungsfähige Produktionseinheit am Schreibtisch sitzt.

Dagegen bekommt Zeitverschwendung etwas herrlich Subversives. Einen Roman lesen und absolut nichts daraus mitnehmen müssen. Spazieren gehen, ohne Schritte zu zählen. Etwas komplett Nutzloses lernen. Kunst machen, die niemand sehen wird. Im Park sitzen. Vier Stunden mit Freund*innen verbringen und dabei weder Fotos noch Kontakte noch Erkenntnisse noch persönliche Weiterentwicklung produzieren. Und bitte auch nicht hinterher behaupten, dass all das die Kreativität steigert und einen langfristig produktiver macht. Das ist nur die Verwertungslogik, die sich durchs Küchenfenster wieder hereinschleicht.

KI kann tatsächlich enorme Mengen menschlicher Zeit einsparen. Aber Zeit sparen und Zeit befreien sind zwei verschiedene Dinge. Wenn jede durch Automatisierung frei gewordene Minute sofort von der nächsten Aufgabe, der nächsten Optimierung oder unserem eigenen verinnerlichten Nützlichkeitszwang besetzt wird, ist überhaupt nichts frei geworden. Ein System, das menschlichen Wert an Produktivität koppelt, wird ungenutzte Kapazität immer als Problem betrachten. Vielleicht wäre eine der radikaleren Forderungen an Automatisierung deshalb geradezu lächerlich einfach: Ein Teil der Zeit, die sie spart, darf vollkommen, herrlich und ohne jede Rechtfertigung nutzlos bleiben.

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