BIT 018
Die Effizienzfalle der Beziehung
15. September 2026

Produktivitätslogik hat die unangenehme Eigenschaft, Bereiche irgendwann nach ihren eigenen Maßstäben umzubauen. Mails werden „abgearbeitet", Nachrichten „weggeräumt", Kontakte „gepflegt". Freundschaften, Rechnungen, Termine und Arbeit landen längst in denselben Interfaces. Mit KI kommt die nächste Ebene dazu: Fass den Streit zusammen, formuliere eine Entschuldigung, schreib einen Geburtstagsgruß, schlag eine Antwort vor, extrahiere die nächsten Schritte aus diesem Gespräch.
Nichts davon ist für sich genommen absurd. Vieles kann tatsächlich hilfreich sein. Zusammengenommen zeigt es aber, wie schnell Effizienz zur Norm wird, selbst dort, wo sie nie der Sinn der Sache war. Eine Freundschaft ist keine Queue. Ein Konflikt wird nicht automatisch besser, wenn die Time-to-Resolution sinkt. Ein Geburtstagsgruß ist kein Content-Problem. Und eine Entschuldigung gewinnt nicht dadurch an Wert, dass ihre Produktion möglichst wenig Aufwand verursacht hat.
Vielleicht sollten wir immer dann misstrauisch werden, wenn wir Beziehungen optimieren wollen. Zwischenmenschliche Nähe verschwendet geradezu grotesk viel Zeit. Menschen erzählen dieselben Geschichten noch einmal, brauchen länger als nötig, hängen in Gesprächen fest, kommen auf alte Konflikte zurück und schenken einander Aufmerksamkeit, aus der keinerlei messbarer Output entsteht. Vielleicht ist genau das kein Fehler. Manche Dinge werden schlechter, wenn wir sie effizienter machen, weil Zeit, Mühe und Aufmerksamkeit nie der Preis waren. Sie waren ein Teil dessen, was überhaupt wertvoll war.