BIT 031
Ein Rennen, über das niemand abgestimmt hat
2. Oktober 2026

Wir reden ständig vom „KI-Wettlauf", als hätte irgendwann jemand den Startschuss gegeben und jetzt müsse die Menschheit eben rennen. Unternehmen können nicht langsamer machen, weil die Konkurrenz sonst schneller ist. Staaten müssen investieren, weil andere Staaten investieren. Modelle müssen leistungsfähiger werden, weil irgendjemand das leistungsfähigere Modell ohnehin bauen wird. Der Wettlauf begründet sich dabei praktischerweise selbst: Wir müssen rennen, weil wir uns in einem Rennen befinden.
Erstaunlich wenig Raum gibt es dagegen für die Frage, wer dieses Rennen eigentlich beschlossen hat. Wohin wollen wir überhaupt? Welches Tempo halten wir für vertretbar? Welche Risiken wollen wir eingehen und wer darf darüber entscheiden? Unternehmen bestimmen weitgehend selbst, welche Fähigkeiten sie entwickeln, privates Kapital entscheidet, welche Vorhaben Milliarden bekommen, und Politik reagiert zunehmend auf die entstandene Dynamik, als wäre sie eine Naturgewalt, mit der man irgendwie mithalten müsse. Für den Rest der Gesellschaft bleibt vor allem die Aufgabe, sich rechtzeitig anzupassen.
Technologische Entwicklung ist aber kein Wetter. Tempo und Richtung entstehen durch Investitionen, Eigentum, Regulierung, öffentliche Aufträge und politische Entscheidungen. Die Metapher vom Rennen verschleiert das ziemlich elegant, denn in einem Rennen bedeutet langsamer werden automatisch verlieren und Vorsicht klingt plötzlich wie Rückständigkeit. Dabei handelt es sich um einen Wettlauf, über den niemand abgestimmt hat, zu einem Ziel, das niemand besonders genau beschreiben kann, während die Folgen am Ende trotzdem alle tragen sollen.