BIT 014
Das Stellvertreter-Ich
9. September 2026

Generative KI bietet uns einen zunehmend seltsamen Service: Sie kann uns vertreten. „Schreib das so, wie ich schreiben würde." „Was würde ich darauf antworten?" „Mach das in meinem Ton." Zunächst ist das einfach praktisch. Wir geben Beispiele, Kontext und Vorlieben, und das System erzeugt etwas, das nah genug an uns klingt, um uns Arbeit abzunehmen.
Interessant wird es, wenn diese Stellvertretung nicht mehr nur hilft, sondern regelmäßig an unserer Stelle auftaucht. Andere Menschen bekommen Texte, die ein Modell aus unseren bisherigen Mustern erzeugt hat. Und irgendwann fragen wir vielleicht sogar selbst zuerst nach, was „wir" vermutlich sagen würden, bevor wir überhaupt entschieden haben, was wir tatsächlich sagen wollen. Dafür muss diese künstliche Stellvertretung uns gar nicht perfekt kennen. Es reicht, wenn sie schneller erreichbar ist als der eigene unfertige Gedanke.
Dann verschiebt sich etwas. Wir benutzen KI nicht mehr nur, um ein vorhandenes Selbst auszudrücken, sondern zunehmend auch, um dieses Selbst zu verwalten. Das System hält ein Modell unseres Tons, unserer Vorlieben und unserer typischen Reaktionen bereit, auf das wir jederzeit zurückgreifen können. Die spannendere Frage ist dann irgendwann nicht mehr, wie überzeugend KI uns imitieren kann. Sondern was passiert, wenn die Stellvertretung langsam zwischen uns und die Person tritt, die sie eigentlich nur vertreten sollte.