BIT 047
Das Gegenteil von Personalisierung
26. Oktober 2026

Personalisierung ist so selbstverständlich zum Synonym für gute Technologie geworden, dass das Gegenteil fast wie ein technischer Mangel klingt. Warum sollte ich irrelevante Empfehlungen wollen, unbekannte Menschen, Inhalte, die nicht zu meinen Interessen passen? Unsere gesamte digitale Umgebung lernt gerade, uns immer genauer zu kennen: Geschmack, politische Ansichten, Gewohnheiten, Geschichte, Schreibstil, Schwächen, Wünsche. Generative KI treibt diese Logik noch weiter. Sie soll irgendwann nicht nur wissen, was ich gestern angeklickt habe, sondern wie ich spreche, was mir wichtig ist und welche Antwort bei mir vermutlich besonders gut funktioniert. Alles wird relevanter, bequemer und immer ein bisschen mehr ich.
Nur haben Dinge, die niemand für uns ausgesucht hat, einen eigenen Wert. Das merkwürdige Buch neben dem gesuchten im Regal. Die Band in der Kneipe, in die wir zufällig geraten sind. Der Mensch beim Nachbarschaftstreffen, dessen politische Meinung uns wahnsinnig macht. Ein Gespräch, das wir nicht führen wollten. Eine Idee, die zunächst überhaupt nicht zu uns passt, weil kein System genug Daten hatte, um vorherzusagen, dass sie uns interessieren könnte. Andere Menschen sind in dieser Hinsicht ohnehin ausgesprochen unpraktisch. Sie bringen ständig Dinge in unser Leben, die nicht unseren Präferenzen entsprechen. Genau das unterscheidet Begegnung von Empfehlung. Zufall braucht einen gewissen Kontrollverlust darüber, was uns erreicht.
Eine perfekt personalisierte Welt könnte deshalb eine Welt werden, in der uns alles immer besser erkennt und immer weniger wirklich verändert. Und das ist weit mehr als ein kulturelles Problem. Lernen bedeutet auch, etwas zu entdecken, von dem wir vorher nicht wussten, dass wir es wissen müssen. Demokratie bedeutet, eine Welt mit Menschen zu teilen, die wir uns nicht ausgesucht hätten. Kollektive Macht entsteht manchmal genau dort, wo Menschen Gemeinsamkeiten entdecken, obwohl kein Matching-System sie zusammengebracht hätte. Vielleicht braucht eine funktionierende Gesellschaft deshalb Orte, die uns nicht kennen, Menschen, die nicht für uns ausgewählt wurden, Gedanken, von denen niemand erwartet hat, dass sie uns gefallen, und insgesamt sehr viel mehr Dinge, die schlicht nicht für uns ausgesucht wurden.