BIT 040
Hört auf, sie nett zu bitten
15. Oktober 2026

Seit Jahren bitten wir Tech-Unternehmen, sich verantwortungsvoll zu verhalten. Bitte schützt unsere Daten. Bitte bezahlt Kreative. Bitte denkt an Beschäftigte. Bitte reduziert Schäden und Ressourcenverbrauch. Bitte macht eure Systeme transparenter. Bitte veröffentlicht nichts, das ihr selbst für zu gefährlich haltet. Bitte reguliert euch ausreichend selbst, damit der Staat möglichst nicht eingreifen muss. Dazu kommen freiwillige Commitments, Ethikrichtlinien, Industriestandards und Responsible-AI-Frameworks, in denen noch einmal festgehalten wird, wie ernst alle Beteiligten das Thema nehmen.
Unter dieser ganzen Höflichkeit liegt ein ziemlich banaler Interessenkonflikt. Wir erwarten von profitorientierten Institutionen, gesellschaftliche Interessen freiwillig über die eigenen zu stellen, sobald beide miteinander kollidieren. Natürlich können Unternehmen verantwortungsvoll handeln, und natürlich sitzen dort nicht ausschließlich Comic-Bösewichte. Aber darauf zu vertrauen, dass freiwillige Selbstbegrenzung dauerhaft stärker ist als Konkurrenzdruck, Investorenerwartungen, Marktmacht und bereits investierte Milliarden, ist keine Governance. Es ist Hoffnung mit Prozessdiagramm.
Vielleicht muss Politik sich an eine ziemlich grundlegende Aufgabe erinnern: Konzentrierte Macht kontrolliert man nicht, indem man sie um mehr Verantwortungsbewusstsein bittet. Wir regulieren, besteuern, verbieten, verpflichten, kontrollieren, verteilen um und schaffen öffentliche Alternativen gerade deshalb, weil gesellschaftliche und wirtschaftliche Interessen nicht automatisch identisch sind. Responsible AI kann nicht bedeuten, dass die Gesellschaft einen Wunschzettel schreibt und anschließend darauf wartet, ob Unternehmen ihn freiwillig erfüllen. Wenn etwas wichtig genug ist, dass wir uns nicht leisten können, dass es ignoriert wird, sollten wir irgendwann aufhören zu fragen.