Bit 041 Titelkarte, Der Iceberg of Ignorance wird skalierbar: Über wie KI die Distanz von Führungskräften zur Komplexität auf alle ausweitet, und warum weniger Reibung auch weniger Verständnis bedeuten kann.

Wir haben jahrzehntelang ziemlich viel Aufwand betrieben, damit Führungskräfte nicht mit der vollständigen Komplexität eines Problems belästigt werden. Assistenzen bereiten Informationen vor, Teams schreiben Entscheidungsvorlagen, und am Ende landen drei Wochen Chaos auf einer PowerPoint-Folie mit Ampel, fünf Bullet Points und einer Handlungsempfehlung. Das ist nicht grundsätzlich falsch. Niemand kann in einer großen Organisation alles wissen, und ohne Abstraktion wären viele Entscheidungen schlicht nicht möglich. Nur verschwindet mit der Komplexität eben auch die Reibung. Oben kommt die saubere Entscheidungsvorlage an, aber nicht unbedingt die siebenundzwanzig Ausnahmen, kaputten Prozesse, Workarounds, genervten Kund*innen und kleinen Absurditäten, aus denen sie entstanden ist. Genau darin steckt die Idee vom „Iceberg of Ignorance": Je weiter man sich von der eigentlichen Arbeit entfernt, desto weniger von ihren Problemen bekommt man überhaupt noch mit.

Mit generativer KI und Agenten können wir uns jetzt alle eine Art persönliche Management-Assistenz bauen. Fass mir das zusammen. Gib mir nur die wichtigsten Punkte. Analysiere das Feedback. Sag mir, was relevant ist. Mach einen Entscheidungsvorschlag. Kümmere dich um die Routinefälle und komm nur zu mir, wenn wirklich etwas wichtig ist. Das kann fantastisch sein, weil natürlich niemand jede Mail, jedes Dokument und jeden Prozess bis ins letzte Detail selbst bearbeiten muss. Aber es gibt einen Unterschied zwischen unnötige Arbeit loswerden und die Reibung loswerden, durch die man überhaupt versteht, wie ein Problem funktioniert. Manchmal muss man das widersprüchliche Dokument selbst lesen, über die bescheuerte Ausnahme stolpern, den kaputten Prozess erleben und einmal durch das Valley of Despair laufen. Nicht weil Leiden irgendwie charakterbildend wäre, sondern weil in der Friction Information steckt.

Die Gefahr ist, dass wir damit die Management-Distanz demokratisieren, aber nicht die Management-Macht. Wir werden nicht plötzlich alle zu hervorragend bezahlten Führungskräften. Wir schaffen nur dieselbe Entfernung zwischen uns und der Realität unserer eigenen Arbeit. Der Agent bekommt das Chaos, wir bekommen die Zusammenfassung, und irgendwann kennen wir das Dashboard besser als das System darunter. KI kann uns enorm leistungsfähiger machen, indem sie uns vor Komplexität schützt. Sie kann uns aber gleichzeitig schlechter darin machen, die Probleme zu verstehen, die wir eigentlich lösen sollen. Früher entstand der Iceberg of Ignorance vor allem dadurch, dass Informationen auf dem Weg durch die Hierarchie verloren gingen. Jetzt können wir uns unseren ganz persönlichen Eisberg bauen.

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