Bit 044 Titelkarte, Ineffizienz als Widerstand: Über die politische Rehabilitierung von Ineffizienz, und warum menschliche Beteiligung kein Kostenfaktor ist, den man wegoptimieren sollte.

Ich glaube zunehmend, dass Ineffizienz politisch rehabilitiert werden muss. Seit Jahrzehnten behandeln wir Effizienz, als wäre sie ein moralisch neutrales Synonym für Verbesserung: schneller, billiger, reibungsloser, skalierbarer, optimierter. KI verschärft eigentlich nur eine Obsession, die längst da war. Gleichzeitig ist erstaunlich vieles von dem, was menschliches Leben überhaupt erträglich macht, geradezu skandalös ineffizient. Freundschaft. Care. Demokratie. Lernen. Kunst. Trauer. Organisierung. Verliebtsein. Zwei Stunden neben einem Menschen sitzen und zum fünften Mal dasselbe beschissene Gespräch führen, weil offenbar noch ein sechstes notwendig ist.

Diese Dinge skalieren schlecht, weil menschliche Beteiligung darin kein bedauerlicher Flaschenhals ist, den die nächste Technologie endlich beseitigen sollte. Sie ist die Substanz. Care ohne Zeit wird Abfertigung. Demokratie ohne Störung wird Verwaltung. Lernen ohne Ringen wird Informationsabruf. Freundschaft ohne Zumutung wird Networking. Kunst ohne den lästigen Vorgang des Herstellens kann weiterhin schöne Dinge hervorbringen, aber wir sollten zumindest fragen, was sonst noch verschwunden ist, wenn Produktion augenblicklich wird. Der Effizienzkult begeht immer denselben Kategorienfehler: Nur weil sich ein Ergebnis mit weniger menschlicher Beteiligung herstellen lässt, war die menschliche Beteiligung noch lange kein Kostenfaktor.

Natürlich gibt es Reibung, die weg kann. Niemand muss aus Gründen der Charakterbildung dieselbe Adresse siebenmal in verschiedene Behördenformulare tippen. Aber eine Gesellschaft, die alles permanent optimiert, braucht Schutzräume vor der Optimierung selbst. Orte, an denen länger brauchen, zu viele Menschen beteiligen, sich wiederholen, etwas schlecht machen und jemandem ökonomisch völlig unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit schenken keine Defizite sind. Manchmal ist Ineffizienz einfach das Wort, das der Kapitalismus für menschliche Tätigkeiten benutzt, aus denen er noch nicht genug Wert herausquetschen kann.

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