BIT 011
Emotionales Outsourcing
4. September 2026

Über KI sprechen wir meistens als Werkzeug zum Auslagern von Arbeit. Schreiben, programmieren, recherchieren, sortieren, zusammenfassen. Daneben entsteht aber gerade eine andere Form des Outsourcings: Wir lagern Interpretation aus. „Was meint diese Nachricht?" „Reagiere ich über?" „Ist diese Person sauer auf mich?" „Was sollte ich darauf antworten?" Das sind keine reinen Textaufgaben. Sie gehören zu dem Prozess, in dem wir Situationen, andere Menschen und uns selbst überhaupt erst verstehen.
Natürlich mussten Menschen das nie vollständig allein tun. Wir sprechen mit Freundinnen, fragen Kolleginnen, schreiben Tagebuch, gehen zur Therapie, schlafen eine Nacht darüber. Unterstützung beim Einordnen ist nichts Neues und auch nichts Schlechtes. Neu ist eher, wie früh und reibungslos ein System in diesen Prozess hineinkommen kann. Noch bevor eine eigene Reaktion richtig entstanden ist, kann sie schon analysiert, erklärt und in eine plausible Geschichte übersetzt werden.
Damit lagern wir möglicherweise nicht erst die Antwort aus, sondern schon die Begegnung selbst. Vielleicht verlieren wir zunächst gar nicht unsere Stimme, sondern den kurzen unverarbeiteten Moment davor. Genau dort merken wir aber, dass uns etwas verletzt, irritiert, wütend macht, anzieht oder verunsichert, noch bevor wir eine saubere Erklärung dafür haben. Wenn wir diesen Moment ständig überspringen, werden wir womöglich immer besser darin, Gefühle zu beschreiben und gleichzeitig immer schlechter darin, herauszufinden, was wir tatsächlich fühlen.