BIT 030
Abhängigkeit ist Macht
1. Oktober 2026

Wir verbringen erstaunlich viel Zeit mit der Frage, wie intelligent KI noch werden wird, und deutlich weniger mit der Frage, was passiert, wenn ihre Nutzung irgendwann keine ernsthafte Entscheidung mehr ist. Wenn der Arbeitgeber sie erwartet, die Software sie einfach einbaut, Schulen ihre Arbeit darauf ausrichten, Verwaltungen sie einsetzen, Suche ohne sie kaum noch stattfindet und ganze Berufsfelder selbstverständlich davon ausgehen, dass alle Zugang haben, wird die Frage „Benutzt du KI?" irgendwann ungefähr so sinnvoll wie die Frage, ob du Elektrizität benutzt.
Bei Strom käme trotzdem niemand auf die Idee, die politische Diskussion auf verantwortungsvollen individuellen Konsum zu reduzieren. Gerade weil wir abhängig davon sind, interessieren uns Versorgung, Zugang, Preise, Zuverlässigkeit, Regulierung und die Frage, wer uns den Hahn zudrehen darf. Abhängigkeit verändert ein gewöhnliches Verhältnis zwischen Anbieter und Kundschaft in ein Machtverhältnis. Dasselbe gilt für digitale Infrastruktur. Sobald der Verzicht auf ein System ernsthafte berufliche, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Nachteile erzeugt, wird individuelle Wahlfreiheit als Antwort auf Governance-Fragen ziemlich absurd.
Genau hier stößt auch das Gerede von „Responsible AI Use" an seine Grenze. Natürlich spielt individuelles Verhalten eine Rolle. Aber Verantwortung kann nicht hauptsächlich bei Nutzer*innen liegen, wenn Institutionen gleichzeitig dafür sorgen, dass echte Nichtnutzung kaum noch möglich ist. Sobald Opt-out unrealistisch wird, ist „dann nutz es eben verantwortungsvoll" keine ernstzunehmende Politik mehr. Abhängigkeit ist Macht. Und je unverzichtbarer KI-Infrastruktur wird, desto weniger dürfen diejenigen allein über ihre Regeln bestimmen, von denen alle anderen den Zugang mieten.