„KI wird dir deinen Job wegnehmen."

An diesem Satz ist schon die Grammatik interessant. KI nimmt Jobs weg. Preise steigen. Der Markt verlangt etwas. Die Wirtschaft zwingt uns zu Veränderungen. Im Kapitalismus passieren erstaunlich viele Dinge scheinbar ganz von allein.

Preise „steigen" aber normalerweise nicht wie der Meeresspiegel. Jemand entscheidet, mehr Geld zu verlangen. Stellen „verschwinden" nicht einfach. Jemand entscheidet, dass bestimmte Arbeit nicht mehr bezahlt, auf weniger Menschen verteilt, ausgelagert oder automatisiert werden soll. Und eine KI kommt auch nicht morgens ins Büro, schaut sich um und entscheidet, wer heute gefeuert wird. Diese Entscheidung trifft ein Mensch beziehungsweise eine Organisation.

Noch deutlicher wird der Trick bei diesem inzwischen allgegenwärtigen Satz: „Du wirst nicht durch KI ersetzt. Du wirst durch jemanden ersetzt, der KI benutzt." Das klingt nach pragmatischem Karriere-Tipp: Lern die Tools, sei schneller, passe dich an, bleib relevant. Tatsächlich steckt darin aber eine ziemlich alte Logik. Du musst nicht schneller sein als die Zombies. Du musst nur schneller sein als die Person neben dir.

Plötzlich schauen wir nicht mehr nach oben, sondern zur Seite und nach unten. Die ältere Kollegin wird zum Risiko. Menschen mit Behinderung gelten als nicht anpassungsfähig genug. Eltern mit Care-Arbeit können mit dem Tempo nicht mithalten. Wer erschöpft ist, schlecht bezahlt wird oder schlicht keine zusätzlichen zehn Stunden pro Woche hat, um sich permanent „zukunftssicher" zu machen, hat eben Pech gehabt. Hauptsache, jemand anderes verliert zuerst.

KI hat diese Logik nicht erfunden. Der Kapitalismus war schon immer ziemlich gut darin, strukturelle Konflikte in private Konkurrenz zu verwandeln. Wenn Beschäftigte glauben, die größte Bedrohung sei die Person am Schreibtisch neben ihnen, stellen sie sehr viel seltener die Frage, wer das Rennen organisiert, wer die Regeln festlegt und wer am Ende die Gewinne einstreicht.

Natürlich passen Menschen sich an. Sie müssen es oft sogar, weil ihre Existenz davon abhängt. Aber individuelle Anpassung und kollektive Macht beantworten zwei völlig unterschiedliche Fragen. KI-Kompetenz kann darüber entscheiden, ob du die nächste Umstrukturierung überstehst. Sie beantwortet nicht die Frage, warum überhaupt jemand geopfert werden muss.

Vielleicht sollten wir deshalb etwas genauer auf unsere Grammatik achten. KI nimmt keine Jobs weg. Menschen mit Macht über die Arbeit anderer Menschen entscheiden, was sie mit KI tun. Und anders als „die KI" kann man diese Menschen zur Verantwortung ziehen.

← Zurück zu Bits