BIT 015
KI als sozialer Stoßdämpfer
10. September 2026

KI eignet sich erstaunlich gut als sozialer Stoßdämpfer. Sie kann uns helfen, einer einschüchternden Behörde zu schreiben, eine Entschuldigung zu formulieren, uns auf ein schwieriges Gespräch vorzubereiten oder aus einem wütenden ersten Entwurf etwas zu machen, das die andere Person überhaupt noch hören kann. Gerade Menschen, denen in angespannten Situationen die Worte fehlen, können davon enorm profitieren. Diese Funktion ist real und wichtig.
Ein Stoßdämpfer funktioniert allerdings dadurch, dass weniger von der Erschütterung bei uns ankommt. Wenn wir jede unangenehme Begegnung sofort glätten, analysieren oder umformulieren lassen, kann aus Hilfe langsam Abschirmung werden. Ärger wird reframed, Zurückweisung eingeordnet, Konflikt neutralisiert und Unsicherheit in fünf plausible Erklärungen verwandelt. Das kann entlasten. Es kann aber auch dazu führen, dass wir immer seltener unmittelbar merken, was eine Situation eigentlich mit uns macht.
Der Stoßdämpfer ist nützlich, weil wir nicht jedes Schlagloch ungefiltert spüren müssen. Problematisch wird es, wenn wir irgendwann gar nicht mehr merken, auf welcher Straße wir fahren. Unbehagen ist nicht immer ein Fehler im System. Manchmal ist es Information. Vielleicht wurde eine Grenze überschritten. Vielleicht hat sich eine Beziehung verändert. Vielleicht sind wir zu Recht wütend. Vielleicht haben wir selbst Mist gebaut. Nicht jede Erschütterung muss ungefiltert durch uns hindurch. Aber auch nicht jede sollte verschwinden, bevor wir überhaupt verstanden haben, warum sie da war.